Am 16.03.2022 hat das LG München I den Beschluss zur Eröffnung der Musterklage gegen die Wirtschaftsprüfer EY veröffentlicht. Damit werden nun sämtliche anhängige Verfahren von Einzelklägern gegen EY für die Dauer der Musterklage ausgesetzt. Die Dauer einer Musterklage kann schnell zehn Jahre erreichen!

Die Kläger, die sich bereits in den Instanzen befinden, werden damit zu Beigeladenen des Musterverfahrens und das Ergebnis des Musterverfahrens wirkt somit unmittelbar für und gegen sie.

Weiter gibt es für Anspruchsinhaber, die noch keine Klage eingereicht haben, die Möglichkeit, sich zur Musterklage anzumelden. Dies hat aber – anders als bei der Musterfeststellungsklage, die man aus dem Abgasskandal kennt – lediglich die Wirkung der Verjährungshemmung. Von dem Ergebnis der Musterklage profitieren diese angemeldeten Geschädigten nicht unmittelbar. Wer auch nach Eröffnung der Musterklage noch die Stellung eines Beigeladenen erreichen möchte, der kann und muss weiterhin eine Klage einreichen, die dann ebenfalls ausgesetzt wird. Soweit die juristische Theorie.

Jetzt stellt sich die Frage, was man den Versicherungsnehmern bzw. Mandanten empfehlen sollte? Unserer Einschätzung nach ist die kostengünstige Anmeldung zur Musterklage mit dem Ziel der Verjährungshemmung ein sinnvoller nächster Schritt. Sollte sich sodann im Verlauf des Musterverfahrens abzeichnen, dass eine »echte« Teilnahme an der Musterklage sinnvoll erscheint, kann geklagt werden.

Die entscheidende Frage dabei wird sein, was aus dem Musterverfahren herauskommt. Bei einer Niederlage gegen EY wird der Fall wohl beendet sein – auch für nachfolgende Verfahren. Bei einem Sieg gegen EY ist es nicht unwahrscheinlich, dass EY zahlungsunfähig wird und somit auch über diesen Weg keine oder nur eine kleine Entschädigung bei den Klägern ankommt. Im Insolvenzverfahren wurden immerhin mehr als zwölf Milliarden Euro angemeldet. Am wahrscheinlichsten wird wohl ein Vergleich sein. Von diesem profitieren dann jedoch nur die Beigeladenen und nicht die ausschließlich angemeldeten Teilnehmer. Ein Vergleich würde wohl auch dazu führen, dass eingereichte Klagen nach dem Vergleich keiner klaren Erfolgseinschätzung zugänglich sind, da der Vergleich keine zuverlässige Prognose auf streitig entschiedene Verfahren zulässt.

Insgesamt also eine juristisch-strategisch spannende Ausgangslage, die einem fachfremden Versicherungsnehmer sicherlich nicht einfach darzustellen ist – diese Unsicherheit werden einige Akteure am Markt naturgemäß ausnutzen wollen, sodass die eigene Kommunikation nun präzise und zeitnah erfolgen sollte.